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STADTKIRCHE BÜCKEBURG

 

An der Fassade der 1615 nach vierjähriger Bauzeit fertig gestellten Stadtkirche in Bückeburg steht in großen Lettern unter dem Zahnschnitt des Hauptgesims: EXEMPLUM RELIGIONIS NON STRUCTURAE. In deutscher Sprache bedeutet das: Ein Beispiel für die Gottesverehrung und nicht für die Architektur. Die vergoldeten Anfangsbuchstaben der lateinischen Inschrift weisen zudem auf den Bauherrn Graf Ernst von Schaumburg hin. Er wollte mit diesem Bau also nicht seine Liebe zur Architektur, sondern zu Gott ausdrücken. Man kann fast den Eindruck gewinnen, der Graf habe diese Inschrift auch deshalb anbringen lassen, um sich dafür zu entschuldigen, dass er zu diesem Zweck gezwungenermaßen ein kostspieliges Meisterwerk der Architektur errichten lassen musste. Die heutigen Kunsthistoriker werden ihm das sicherlich verzeihen, denn die Stadtkirche in Bückeburg zählt zweifelsfrei zu den bedeutendsten Bauwerken der späten Renaissance und des frühen Barock in Nordeuropa. Diese Aussage bezieht sich nicht nur auf die opulente Fassade, die hier im folgenden vorgestellt wird, sondern auch auf den Innenraum. Seine Einteilung in drei Schiffe ist schon von außen an der Fassade ohne große Mühe ablesbar.

Bei der Gestaltung der herrlichen Fassade haben Bauherr und Architekt besonders viel Aufmerksamkeit und Interesse dem Eingangsbereich gewidmet. Das zeigt sich besonders an der sehr aufwändigen und weit hervortretenden Rahmung des Portals in Form einer prächtigen Ädikula, die im nächsten Abschnitt genauer besprochen wird. Außerdem wurde dem Portal ein breites, von einer Balustrade abgeschlossenes Podest vorgelagert. Zugang zum Podest bietet eine zweistufige Freitreppe. Sie wird links und rechts von Rollwerk flankiert, das sich an die beiden obeliskenbekrönten Pfeiler bzw. Postamente der Balustrade anlehnt. Die Außenpfeiler bzw. Außenpostamente der Balustrade tragen dagegen Kugeln.

Die beiden Mini-Obelisken auf den zentralen Balustradenpostamenten korrespondieren mit den beiden viel größeren Säulen links und rechts des Rundbogenportals, dessen Zwickel mit Muschelwerk gefüllt sind und dessen Schlussstein eine Agraffe1) vorgeblendet ist. Diese Agraffe1) trägt zusammen mit den volutengeschmückten Säulenkapitellen2) ein Gebälk. Dem Gebälk sind oberhalb der Kapitelle2) Putten- bzw. Engelsköpfe, oberhalb der Agraffe1) Rollwerk vorgeblendet. Auf dem verkröpften Kranzgesims stehen zwei Blumenvasen3) und zwei nackte Knaben (Putti), die eine von einem Fruchtgehänge gesäumte Kartusche stemmen. Sie dient als Rahmen für das Wappen der Grafschaft Schaumburg. Die beiden Engel, die auf jeweils einem Schenkel des gesprengten Segmentgiebels sitzen, halten eine Krone über die außerdem noch mit Rollwerk und Fratzengesichtern geschmückte Kartusche.

Das über dem Portal liegende vierbahnige Fenster wird ebenfalls recht aufwändig mit zwei sich nach unten verjüngenden Pilastern4), zwei Obelisken, Rollwerk und einem gesprengten Segmentgiebel gerahmt5). Größere Pilaster, die sich ebenfalls nach unten verjüngen4), flankieren auch die beiden dreibahnigen, mit einfachem Maßwerk geschmückten rundbogigen Fenster in der linken und rechten Achse der Fassade (siehe Foto rechts). Da die Pilasterkapitelle2) weit zurücktreten, scheinen die darunter liegenden Schäfte eigenständige Bauglieder zu sein, die wie auf dem Kopf gestellte Obelisken aussehen. Sie stehen auf einem hohen, feingliedrigen Postament und sind in einem Blütenkelch verankert (siehe Foto unten). An der Ornamentik der Pilasterschäfte fallen besonders die Jakobsmuscheln auf, von denen jeweils drei Girlanden herabhängen.


Linke Fassadenfensterachse (oben),
Pilasterornamentik (links)

Wenn man nun den Blick vom Detail wieder auf die gesamte Fassade richtet, kann man auch einfach nur grob feststellen, dass das Vollgeschoss der Stadtkirche Bückeburg bzw. der Bereich zwischen Kaff- und Hauptgesims im wesentlichen durch hohe Pilaster4) u. 6), Fenster und ein Portal geschmückt und gegliedert wird. Dabei entstehen drei Fassadenzonen, bei denen die mittlere Zone durch das reich geschmückte Portal besonders betont wird. Die Gliederung in drei Zonen entsprechender Breite setzt sich im Giebel zwischen Haupt- und Kranzgesims fort. Auch hier wird die mittlere Zone besonders hervorgehoben, und zwar durch die große, mit Engelsflügeln und Dreiecksgiebelverdachung gerahmte Uhr. Sie sticht auch deshalb besonders ins Auge des Betrachters, weil sie abgesehen von dem Wappen über dem Portal den einzigen besonderen farblichen Akzent auf der ansonsten sandsteinsichtigen Fassade bietet. Zum Ziffernblatt gesellen sich übrigens noch farbige Jakobsmuscheln in den Zwickeln. Unterhalb der Uhr ziert außerdem Rollwerk das zentral Giebelfeld.

Rund wie das Ziffernblatt der Uhr sind ebenfalls die beiden Blenden7) in der linken und rechten Giebelzone. Weil die Form ihrer recht imposante Rahmung an eine Kartusche erinnert, darf man sicherlich vermuten, dass die Blenden7) wohl zur Aufnahme von Wappen oder anderen Bildwerken vorgesehen waren. Ihre Rahmung sieht nicht nur wie eine Kartusche, sondern auch wie eine mit einem Deckel verschlossene Amphore aus. Die Henkel werden dabei von kugelgekrönten Rollwerk, die Schulter von einem Gesims und der Deckel von einem Segmentbogengiebel gebildet. Auf dem Hals dieser amphorenähnliche Rahmung ist eine Blumenvase3) mit einem kleinen Unterbau aufgetragen. Seitlich werden die recht aufwändig gerahmten Blenden7) von jeweils einem sich nach unten verjüngenden Pilaster4) und jeweils einem Miniobilisken auf hohen Postamenten flankiert. Die äußeren rollwerkgeschmückten Postamente und ihre Miniobilisken schießen dabei wie die Blendenrahmung über das Dreiecksgiebelfeld hinaus.

Der obere Abschluss des Giebels wird durch eine Balustrade auf einem weit vorspringenden Kranzgesims klar und deutlich vom Rest der Fassade abgegrenzt. Über bzw. hinter der Balustrade befinden sich seitlich zwei Obelisken und mittig eine kreuzbekrönte Glockenädikula, die auf einem Unterbau mit einer dreiecksgiebelverdachten Tür ruht.

 

1) Stein, der vom Rundbogenscheitel zum Gebälk überleitet           2) Säulenkopf

3) Bei den stilisierten Blumen handelt es sich höchstwahrscheinlich um Lotus.

4) Pilaster sind Halbsäulen bzw. Halbpfeiler. Estipites oder Hermenpilaster lautet übrigens der Fachausdruck für sich nach unten verjüngende Pilaster.

5) Man kann hier allerdings nicht im strengen Sinne von einer Ädikularahmung wie beim Portal sprechen, denn es fehlt das Gebälk zwischen den Pilastern und dem Giebel.

6) Wenn man genau hinschaut, kann man leicht erkennen, dass jedem Pilaster ein weiterer, nur wenig aus der Außenwand hervorspringender, aber breiterer Pilaster hinterlegt ist. Es handelt sich also um ein Doppelpilastersystem.

7) Gemeint sind hier die beiden runden Vertiefungen in der Wand.

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