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Seebrücke in Heringsdorf


die Seebrücke vom Strand aus gesehen

Rund 20 Seebrücken ragen an der weit ausgedehnten Küste Mecklenburg-Vorpommerns in die Ostsee. Sie wurden ursprünglich nicht nur als ins Meer verlängerte Flaniermeilen, sondern auch als Landungsstege für ankommende Seebadbesucher errichtet: Urlauber konnten auf diese Weise vor rund 100 Jahren direkt per Schiff an ihren Erholungsort gelangen, ohne vorher in kleine wackelige und schwankende Boote vor der Küste umsteigen zu müssen, mit denen man die letzten Meter auf dem Wasser zum Urlaubsort zurücklegte. Seebrücken kamen daher einer nicht unerheblichen Komfortsteigerung im damaligen Bädertourismus gleich, zumal nun ebenfalls die Möglichkeit bestand, mit Ausflugsdampfern Exkursionen von der Brücke aus in die Umgebung des Urlaubsorts zu unternehmen.

Wie die Strandpromenaden waren auch die Seebrücken ein Ort des Sehens und Gesehenwerdens. Fein herausgeputzt flanierten die Damen und Herren der High Society früher über die Seebrücken. Ja, es gab keinen besseren Ort, als gerade dort sein Sozialprestige zu demonstrieren: "Ja, wir können uns einen Urlaub in einem Seebad an der Ostsee leisten."

Die Zeiten, in denen nur eine begüterte Oberschicht in die Seebäder oder ans Meer drängte, sind bekanntlich längst vorbei. Dennoch dienen auch heute noch die Seebrücken als einzigartige Flaniermeilen und Ausgangspunkt für Schiffsausflüge. Gleichwohl haben sie ihre frühre Bedeutung als Landungsstege für Anreisende gänzlich eingebüßt, da seit rund 100 Jahren fast alle Urlauber per Auto oder per Bahn ihren Urlaubsort erreichen. Nach der Einquartierung führt ihr erster Weg jedoch meistens direkt an den Strand und auf die Seebrücke.

Wie die betuchten Badegäste vor 100 Jahren will auch der heutige Seebrückenbesucher sicherlich gerne gesehen werden, in erste Linie aber genießt er über wogenden Wellen den Anblick des scheinbar unendlichen Meeres und die Frische der salzhaltig wirbelnden Luft. Und da, wo in stimmungsvoller Atmosphäre viele Menschen entspannt mit vollem Urlaubsportemonnaie sich tummeln, ist der Geschäftsmann auch nicht fern. Restaurants, Läden aller Art und weitere Freizeiteinrichtungen siedeln sich damals wie heute auf den Brücken an und sorgen für Kauf- und Gaumenfreuden, Unterhaltung und Abwechselung.

Heringsdorfs erste Seebrücke wurde zwischen 1891 und 1893 erbaut und nach dem damaligen deutschen Kaiser benannt. "Auf Antrag der Aktiengesellschaft Seebad Heringsdorf habe ich die Genehmigung dazu erteilt, dass der neuen Landungsbrücke am Kurhause ... der Name Kaiser-Wilhelm-Brücke beigelegt werde," lautete die offizielle Erlaubnis ihrer Majestät. Mit dem Bau der Seebrücke bzw. des Landungssteges ließ sich das Seebad also auf dem Schifffahrtswege nun schnell und bequem erreichen. Ein Jahr später erfolgte dann außerdem noch ein Eisenbahnanschluss. Lange Rede, kurzer Sinn: Schon Ende des 19. Jahrhunderts war Heringsdorf verkehrstechnisch recht gut an den Rest der Welt angebunden.

Aufwändig und luxuriös dekoriert soll die alte hölzerne Seebrücke gewesen sein, u. a. mit vielen Türmchen, um den hohen Ansprüchen der vielen vornehmen Urlauber gerecht zu werden. Damals musste man übrigens noch Eintrittsgeld für einen Brückenbesuch bezahlen. Missgünstige Witterungsverhältnisse, allgemeine Vernachlässigung und Brände trugen schließlich dazu bei, dass das alte Bauwerk 1958 endgültig in die Brüche ging. Dabei kam allerdings niemand zu Schaden. Als die Seebrücke in Binz auf Rügen 1912 unter der Last unzähliger Urlauber einstürzte, mussten das 17 Menschen mit ihrem Leben bezahlen.


die Eingangsbauten der Seebrücke an der Promenade

Danach war Heringsdorf fast 40 Jahre eine seebrückenfreie Zone. Zur Zeit des real existierenden Sozialismus legte man wenig Wert darauf, ein Bauwerk zu erneuern, dass doch ursprünglich für elitäre aristokratische Urlauber errichtet wurde. Und vielleicht hätte eine intakte Seebrücke auch noch zur Republikflucht verholfen!

Nach 1990 entdeckte man den Wert einer Seebrücke als touristische Attraktion wieder. Auch Heringsdorf erhielt eine neue, mehr als 10 Millionen Euro teure Seebrücke, die 1995 eingeweiht wurde. Gegenüber ihrer Vorgängerin wurde sie um rund 50 Meter versetzt und um 50 Meter verlängert: Einen halben Kilometer misst sie nun und ist damit die längste ihrer Art in Deutschland. Der Seesteg, der auf mit Sand gefüllten, 6 Meter tief in den Boden reichenden Stahlpfeilern ruht, ist sogar überdacht. Das wird wohl hauptsächlich darin seinen Grund finden, dass man auch bei unvorteilhaftem Wetter trockenen Fußes sowohl die zweite Geschäftspassage im mittleren Brückenabschnitt als auch das Restaurant am Ende des Steges erreichen kann. In die Brückenkopfbauten an der Promenade sind u. a. ein Muschelmuseum, weitere gastronomische Betriebe, Geschäfte aller Art und Ferienwohnungen integriert. Außerdem lädt das Büro einer Reederei zu Ausflügen mit Schiffen in die anderen Seebäder und ins benachbarte Polen ein.

© Andreas Reuter 2012 (seitdem nicht mehr aktualisiert)

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