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LEISTHAUS IN HAMELN

 

Das Leisthaus in Hameln zählt zweifelsfrei zu den beachtlichsten Bauwerken der Weserrenaissance. Es wurde im Auftrag des Kornhändlers und Patriziers Gerd Leist am Ende des 16. Jahrhunderts errichtet. Ein Blick auf die Giebelspitze bzw. den dort befindlichen Ädikula-Aufsatz1) verrät sofort, wann die Fassade des herrlich geschmückten Spätrenaissancehauses fertig gestellt wurde: In goldenen Ziffern ist dort die Jahreszahl 1589 aufgetragen.

An die eben erwähnte Ädikula (siehe Foto rechts oben) lehnt sich Roll- bzw. Schweifwerk2) an. Dazu gesellen sich noch Miniobilisken, die an den beiden Enden des oberen Gesims die Ädikula ebenfalls flankieren. Diese sicherlich kostspielige Konstruktion dient in ihrer Gesamtheit nicht nur als prächtiger Abschluss des Giebels, sondern auch als äußerst prunkvolle Rahmung eines in einer kleinen Rundnische eingelassenen Neidkopfes aus Gold3), der das Leisthaus vor Unheil und Schaden bewahren soll. Seine wichtige Aufgabe wird im Detail außerdem durch die aufwändige Einfassung der Nische mit Beschlagwerk2) betont.

Unterhalb des prächtigen Ädikula-Aufsatzes verweisen hochrechteckige gepaarte Fenster mit einfacher Putzrahmung auf die Existenz zweier Dachgeschosse hinter dem Giebel. Er wird horizontal durch fünf Gesimse, vertikal durch fünf Halbsäulen gegliedert. Mit Ausnahme des zentralen Pilasters4) im unteren Dachgeschoss werden alle anderen Halbsäulen durch weitere Schmuckelemente ober- und unterhalb der Gesimse ergänzt bzw. verlängert. Oberhalb der Verkröpfung befindet sich jeweils ein Obelisk, unterhalb der Verkröpfung jeweils ein Neidkopf, der quasi als Konsole6) für die Halbsäulen dient. Eine geschwungene Form erhält der Dreiecksgiebel durch das seitlich angebrachte Roll- bzw. Schweifwerk2). Auf halber Höhe des unteren Dachgeschoss steht auf dem geschwungenen Beschlagwerk links und rechts noch ein Obelisk.

Beschlagwerk rahmt übrigens auch das große rundbogige Portal im Erdgeschoss des Leisthaus. Den beiden Vollgeschossen ist ein sehr imposanter Standerker vorgelagert, den man auch Auslucht bzw. Utlucht nennt. Sein oberer Abschluss ist in der Form einer Ädikula1) ausgebildet (siehe folgendes Foto). Diese Erker- oder Ausluchtädikula vor dem Mezzaningeschoss6) ähnelt nicht unerheblich dem Abschluss des Dachgiebels, ist jedoch bei weitem prächtiger geschmückt.

Die Erkerädikula wird ebenfalls von Rollwerk und Obelisken flankiert und von einem Dreiecksgiebel abgeschlossen. In der weitaus größeren muschelgewölbten Nische ist eine lebensgroße vollplastische Lucretia-Skulptur untergebracht. Neben der mit Beschlagwerk gerahmten Nische stehen zwei Säulen, deren Schäfte oben mit Kanneluren7) und unten mit reliefierten Ornamenten geschmückt sind. Auf dem Gebälk oberhalb ihrer Kapitelle8) hat man Löwenköpfe befestigt.

Ähnliche Löwenköpfe, die allerdings einen Klopfring im Maul festhalten, zieren auch die beiden mit Girlandenfriesen9) geschmückten Erkergebälke. Sie werden von Dreiviertelsäulen getragen, zwischen denen sich drei hochrechteckige Fenster befinden. Besondere Beachtung verdient der opulente Brüstungsfries9) der oberen Erkerfenster (siehe nächstes Bild):

In seinen sechs rundbogigen Nischen mit Muschelgewölben, die unten durch ein Stockwerksgesims und oben durch ein Sohlbankgesims mit Zahnschnitt und Eierstab eingegrenzt werden, reihen sich halbplastische, bunt bemalte Figuren aneinander, die Tugenden verkörpern sollen. Reich dekorierte Halbpfeiler trennen die Nischen in insgesamt drei Zweiergruppen. In den Bogenzwickeln hängen Masken und florale Ornamentik. Diesen Fries darf man sicherlich neben den beiden Ädikulen als das dekorative Highlight der Leisthausfassade in Hameln bezeichnen.

Im Vergleich mit dem Giebel und dem Erker ist der Rest der mit aufgemaltem Ziegelmauerwerk verputzten Fassade eher zurückhaltend geschmückt. Besonders bemerkenswert sind aber noch zwei recht filigrane Wappensteine oberhalb des Portals zwischen dem Stockwerks- und Sohlbankgesims (siehe Foto links). Sie werden von zwei Hermenpilastern10) flankiert, deren ionische Kapitelle8) ein Gebälk mit Eierstab tragen.
 
Lange Rede, kurzer Sinn: Die Fassade des Leisthaus in Hameln bietet dem Freund der Renaissance auch im Detail eine reiche Fülle optischer Genüsse und Reize.

 

1) Eine Ädikula ist eine kleine tempelähnliche Konstruktion, die oft zur Aufnahme einer Statue dient und gewöhnlich aus zwei Stützen, einem Gebälk und einer Übergiebelung besteht. Im besonderen Falle der hier vorgestellten Giebelädikula werden die Stützen aus pfeilerähnlichem Beschlagwerk gebildet und anstelle der Statue nur ein vollplastischer Kopf in der Rundnische aufgenommen. Der weiter unten vorgestellte Erkeraufsatz entspricht dagegen eher dem gewöhnlichen Aufbau einer Ädikula.

2) Als Beschlagwerk bezeichnet man flache bandartige Ornamente mit imitierten Nagelköpfen. In Kombination mit eingerollten Bändern bzw. Voluten spricht man insbesondere von Roll- bzw. Schweifwerk.

3) Man könnte hier auch von einem Neidkopf bzw. Portraitmedaillon sprechen.        4) Synonym für Halbsäule

5) Eine Konsole ist ein aus der Wand vorspringender Tragstein.          6) Halbgeschoss

7) senkrechte konkave Rillen          8) Säulenkopf          9) ein schmaler, häufig ornamentierter Streifen

10) eine Halbsäule, die aus einem sich nach unten verjüngenden Schaft, einer Halbfigur und einem Kapitell besteht

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