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Historische Seebäderarchitektur

 im  Kaiserbad Heringsdorf 
   
   

Obwohl auch mehrere Neubauten im Ortsbild vertreten sind, dominiert im Seebad Heringsdorf immer noch die so genannte historische Bäderarchitektur. Man nennt sie auch kaiserzeitliche Seebäderarchitektur, da nahezu alle entsprechenden Gebäude zwischen 1871 und 1914 errichtet wurden.

Viele dieser schönen Häuser weisen dem Zeitgeschmack gemäß eine prächtige und luxuriöse Fassadendekoration auf. Beinahe alle sind mit Säulen bzw. Halbsäulen geschmückt. Vorbauten, d. h. Risalite, Erker und Türme verleihen den alten Fassaden einen herrschaftlichen Glanz. An manchen Häusern sieht man einen prächtige Bilder und Reliefs, an anderen aufwändig gestaltete Balustraden ...

Aber um welchen Baustil handelt es sich eigentlich bei dieser Bäderarchitektur, die von so vielen Urlaubern bewundert wird? Dieser Frage soll im folgenden kurz nachgegangen werden:

An der Villa Oechsler (siehe Foto ganz oben) erkennt man einen besonders reichen Fassadenschmuck, der der Außenwand kaum eine ornamentale Ruhezone lässt. Die üppige Dekoration kulminiert schließlich in der Betonung der Mittelachse durch eine prächtige Säulenhalle, die wie die Front eines antiken Antentempels aussieht. Der dazu gehörige Dreiecksgiebel, oder genauer gesagt: das dazu gehörige Tympanon ist wegen seines wertvollen Mosaikbildes ein wahrer Blickfang. Auch das üppige Kranzgesims mit Eierstäben und akanthusgeschmückten Konsolen lässt vermuten, dass es sich bei der Villa Oechsler um ein Gebäude handelt, welches man wohl am ehesten der Zeit- bzw. Kunstepoche des Barocks zurechnen könnte. Gleichwohl ist die Villa aber erst viel später, und zwar im vierten Viertel des 19. Jahrhunderts entstanden.

Ein paar Häuser weiter steht ein weiterer kleiner Palast: die Villa Oppenheim: Kaum Fassadenschmuck, dafür aber ein riesiger Portikus mit Kolossalsäulen! Irgendwie weist diese Villa eine gewisse Ähnlichkeit mit der Villa Cornaro auf, die zwischen Treviso und Padua in Italien liegt. Oder mit der Villa Rotonda in Vicenza. Dann muss sie wohl im Stile der Spätrenaissance bzw. im Stile des Palladianismus errichtet worden sein.

An einer anderen Stelle entdeckt man ein Haus, dessen Fassade mit Schwänen und Liniengebilden aus Stuck verziert wurde. Das ist doch zweifelsfrei Jugendstil. Dann gibt es auch noch Häuser mit Spitzbögen: Gotik!!! Und zweihundert Meter weiter meint man, schon die Alpen erreicht zu haben: Eine Ferienunterkunft, die aussieht wie ein Bauernhaus in der Schweiz. Vier Häuser weiter sieht man einen Palladiobogen an einem Mittelrisaliten, daneben ein klassizistisches Gebäude ...

Miniaturbilder konnten früher zwecks Vergrößerung angeklickt werden.

Bevor der liebe Websurfer nun in eine mittelschwere Glaubens- und Identitätskrise fällt, wird jetzt des Rätsels Auflösung präsentiert:

Kaiserzeitliche Seebäderarchitektur, wie man sie im Seebad Heringsdorf antrifft, ist ein Gemisch und Nebeneinander von
 

  • Historismus (Nachahmung alter Kunststile von der Romanik/Gotik bis zum Klassizismus, die man jeweils im Einzelfall Neogotik, Neorenaissance, Neobarock, etc. nennt. Alles, was der Fundus der Kunstgeschichte bis dahin zu bieten hatte, wurde erneut verwendet.),
     

  • Jugendstil,
     

  • ein paar ländlich-rustikal geprägten Bauformen wie dem so genannten Schweizer Stil, und
     

  • ein bisschen kreativer Architektenfantasie.
     

Oder noch etwas genauer und etwas allgemeiner für alle Seebäder gesagt:
Unter Kaiserzeitlicher Seebäderarchitektur versteht man Gebäude am Meer zum Zwecke der Unterbringung, Verpflegung und Unterhaltung von Gästen, die im Stile des Historismus, Jugendstil und einiger rustikaler bzw. ländlicher Sonderbauformen in den Jahrzehnten um 1900 errichtet wurden.

Die so genannte Seebäderarchitektur ist aber kein eigener Baustil noch eine eigene Kunstgattung für sich. Fast überall in Deutschland wurden die oben aufgeführten Stile zur gleichen Zeit auch verwendet. Man hat sich also auch in den Seebädern beim Bau der Häuser am allgemeinen Zeitgeschmack orientiert. Die kaiserzeitliche Architektur in Heringsdorf und in vielen anderen Seebädern hat aber ihre besondere Ausprägung dadurch erhalten, dass es sich um Sommerferienhäuser einer sehr reichen Urlauberklientel handelt. Dies wird vornehmlich an der äußerst luxuriösen Fassadengestaltung, andererseits an der Existenz unzähliger offener Räume in der Form von Balkonen oder Loggien sichtbar. Mit anderen Worten: Der zeittypische Baustil wurde an die Bedingungen des Ortes und an die dicken Geldbörsen der Urlauberprominenz angepasst, d. h. an die Bedürfnisse eines Luxusseebades ausgerichtet. Etwas eigenständiges und einzigartiges, das sich vom Rest des Baugeschehens im Deutschen Reich deutlich abhebt, ist dabei aber nicht geschaffen worden.

Auch die in Heringsdorf bzw. auf Usedom etwas seltener, auf der Nachbarinsel Rügen aber relativ häufig vorkommenden Holzarbeiten an den Häuserfassaden, seien es nun offenes Sprengwerk oder Laubsägearbeiten in den Giebeln oder komplette Außenwandverkleidungen, die in Holz ausgeführt wurden, sind keine außergewöhnlichen Erscheinungen und auf keinen Fall stilbildend für eine eigenständige Seebäderarchitektur. Auch hier muss man feststellen, dass solche und ähnliche Holzarbeiten an Häusern in anderen Regionen Deutschlands zur gleichen Zeit ebenfalls Verwendung fanden. Und das nicht nur in Kurorten.

© Andreas Reuter (2006 und 2014, seitdem nicht mehr aktualisiert)

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