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ALTE KANZLEI IN BRÜGGE

 


Alte Kanzlei

Die Alte Kanzlei (Oude Civiele/Burgerlijke Griffie) in Brügge mit ihrer weiß verputzten und teils goldglänzenden Schauseite liegt unmittelbar neben dem gotischen Rathaus am Burgplatz. Sie wurde zwischen 1534 und 1537 unter der Leitung des Maurermeisters Christian Sixdeniers nach Entwürfen des Steinmetzen Jean Wallot errichtet. Die prächtige Fassade im Stile der Renaissance erfuhr am Ende des 18. Jahrhunderts zur Zeit der Französischen Revolution erhebliche Beschädigungen. Nach Plänen des Architekten Louis Delacenserie wurde sie rund einhundert Jahre später wieder hergestellt. Diese Restaurierung kann man aber nicht als originalgetreu bezeichnen, denn die Fassade wurde damals um weitere Ornamente ergänzt und somit ästhetisch nochmals aufgewertet.

Die vielen rechteckigen Fenster, die ungefähr die Hälfte der Fassadenfläche der Alten Kanzlei einnehmen, teilen die beiden Vollgeschosse in insgesamt fünf vertikale Zonen bzw. Achsen. Dieser Fünfgliedrigkeit in den Vollgeschossen steht die Dreigliedrigkeit des Giebelbereichs gegenüber. Der zentrale, größere Giebel fasst die mittleren drei Fensterzonen bzw. -achsen zusammen. Die Fenster der beiden äußeren einachsigen Fassadenzonen, die mit jeweils einem eigenen Giebel abschließen, wurden wohl aus guten Gründen um die Hälfte breiter als diejenigen in den mittleren Achsen gestaltet. Durch diese Vergrößerung sind nämlich die beiden äußeren Fassadenzonen in ihrer Summe ungefähr gleich breit wie der zentrale dreiachsige Bereich.

Diese geschickte Proportionierung kontrastiert auffällig mit der unsymmetrischen Gestaltung der Fassade, die wohl in erster Linie infrastrukturell bedingt ist. In der rechten, direkt an das Rathaus angebauten Fensterachse befindet sich nämlich im Erdgeschoss ein hoher korbbogiger Durchgang (Blinde Ezelstraat) vom Burgplatz zum Fischmarkt, der an der anderen Fassadenseite keine Entsprechung erfährt. Außerdem wurde für den Standort der Eingangstür nicht die mittlere Gebäudeachse ausgewählt.

Oberhalb der Eingangstür ist das Wappen der Stadt Brügge angebracht. Ein blauer bekrönter Löwe ist auf einem Schild abgebildet, das von einem goldenen Löwen und einem braunen Bären gehalten wird. Auf dem Schild steht ein von einer Krone umschlossener Kleinbuchstabe b. Gerahmt wird das Wappen von zwei Halbpfeilern mit Kämpfergesims, die einen Bogen mit Zahnschnitt und kassettierter Laibung tragen. Auf der Laibung der Halbpfeiler befinden sich Gehänge aus Engels- bzw. Puttenmasken, Medaillons und anderem Schmuckwerk. Engels- bzw. Puttenmasken füllen auch die Zwickel bzw. Spandrillen aus.

Das Wappen und das darüber liegende Fenster werden wie alle anderen Fenster in den Vollgeschossen von kannelierten Pilastern1) flankiert. Der untere Teil der Pilasterschäfte direkt über der Basis ist jedoch nicht mit Kanneluren, sondern mit vergoldeten Ranken2) auf türkisem Untergrund verziert. Ranken2) kann man auch auf den Kapitellen3) entdecken, die zudem mit einem Eierstab geschmückt sind. Auf den Pilasterpostamenten sind unterhalb des Sockelgesims Grotesken mit Klopfring, zwischen dem Erd- und erstem Obergeschoss Medaillons mit vollplastischen Köpfen4) befestigt.

Halbsäulen und Fenster betonen die vertikale Ausrichtung, von Gesimsen eingeschlossene Friese die horizontale Ausrichtung der Alten Kanzlei in Brügge. Die Dekoration dieser Friese ähnelt deutlich dem unteren Pilasterschmuck: Girlandenförmig breiten sich auf ihnen vergoldete Ranken2) auf türkisem Untergrund aus. Zwischen Sockel- und Fenstergesims werden die Friese aber durch Medaillons mit Diamantquader ersetzt.

Die beiden äußeren Fensterachsen schließen, wie schon oben gesagt, mit jeweils einem Giebel ab, der durch die Rahmung mit Rollwerk eine geschwungene Form erhält. Zwischen den Voluten5) des Rollwerks wachsen Akanthusblätter heraus. Bei den Kriechblumen auf dem oberen Rollwerk handelt es sich um dieselben Blätter. Das kleine quadratische Fenster wird links und rechts von Medaillons mit farbigen Portraitreliefs begleitet. Vollplastisch sind dagegen die Moses-Statue, deren kanneliertes Podium von zwei Voluten5) getragen wird, und die beiden Tugendstatuen, die auf niedrigen Säulen den Giebel flankieren. Ihre spiralförmige Kannelierung soll die gewundenen Säulen des salomonischen Tempels nachahmen. Das Foto neben diesem Text zeigt den linken Giebel. Der rechte äußere Giebel der Alten Kanzlei in Brügge unterscheidet sich nur durch ein anderes Bildprogramm. An die Stelle von Moses tritt dort beispielsweise sein Bruder Aaron.

Die inneren, auf kleinen Säulen stehenden Tugendstatuen trennen die Seitengiebel vom größeren zentralen Giebel. Dass die Alte Kanzlei nicht nur für den städtischen Schriftverkehr und für Beurkundungen zuständig war, sondern auch zeitweise als Gerichtsgebäude genutzt wurde, kann man leicht am zentralen Giebel erkennen, weil er von einer Justitia-Statue gekrönt wird. Außerdem weisen die beiden Reliefs links und rechts des hochrechteckigen Fensters eindeutig darauf hin. Dort sind nämlich das Urteil des Kambyses und des Salomon abgebildet. An die beiden Reliefs lehnt sich Rollwerk mit kriechenden Akanthusranken an. Das Giebelfenster verfügt über eine sehr aufwändige und prächtige Rahmung, die einer Ädikula sehr ähnelt. Die spiralförmig kannelierten Pilaster1) tragen allerdings zwei Putten, die Kartuschen mit Inschriften halten. Zwischen den Putten befindet sich das ungestützte, rankengeschmückte2) Gebälk mit Dreiecksgiebelaufsatz, das als dekorative Fensterverdachung dient.

Auch der obere Giebelabschnitt wird von Rollwerk mit kriechenden Akanthusranken gesäumt. Auf den äußeren Voluten5) sitzen eine Löwen- und eine Bärenstatue, die jeweils einen Teil des Wappens der Stadt Brügge halten. Unter der Pranke des Löwen befindet sich der von einer Krone umschlossene Kleinbuchstabe b, unter der Tatze des Bären das Schild. Oberhalb der Fensterverdachung zwischen dem Rollwerk ist in einer geschwungenen, türkis eingefärbten Blende bzw. Wandvertiefung das Wappen Kaiser Karls V. eingepasst. Als Wappenhalter fungieren hier zwei Säulen6), die in ihrem Aufbau den fensterrahmenden Pilastern1) ähneln. Der zentrale Giebel der Alten Stadtkanzlei wird mit einer Justitia-Statue abgeschlossen, die auf einem kleinen, mit einem Medaillon geschmückten und von Akanthusblättern flankierten Unterbau steht.

1) Synonym für Halbsäule

2) Bei den Ranken handelt es sich um Akanthusranken, die teilweise mit Masken, Grotesken, Medaillons, Widderköpfen, Sphingen, Vögeln, Inschrifttafeln etc durchsetzt bzw. geschmückt sind.

3) Säulenkopf                              4) Die Köpfe stellen königliche Hoheiten dar, darunter auch Kaiser Karl V.

5) spiralförmiges Ornament                        6) Es handelt sich dabei um die Säulen des Herakles.

 

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